Der Genuss- Verdruss

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Reizüberflutung für AnfängerWir armen Verbraucher!

Nicht nur dass wir allmählich unter der Werbe- Reizüberflutung zusammenbrechen- nein!- wir dürfen jetzt nicht einmal mehr „normal“ konsumieren.

Anstatt dass wir uns ein Bierchen kaufen und es uns wie gewohnt hinter die Binde kippen, müssen wir es jetzt genießen. Fragt sich wo der Genuss bleibt, wenn man nach dem zehnten Bier nicht mehr geradeaus laufen kann.

Heute fährt man auch kein Auto mehr, heute genießt man die Fahrt. Eigentlich gemein, nicht nur für die Umwelt, sondern den Spritpreisen sei Dank ebenso für den eigenen Geldbeutel.

Das Wetter- auch ein allgemeiner Genusszustand. Um die Werbetrommel für den Kauf von Sommerkleidung zu schlagen, ist Hitze natürlich plötzlich erst dann erträglich und vor allem genüsslich, wenn man sich seinen Corpus mit Mode verhüllt- logisch!

Was der Verbraucher beim Verbrauchen und Genießen denkt, ist schwer auszumachen. Dröger Genuss- Verdruss an der eigenen Gesundheit vorbei. Alkoholexzesse und Tabakkonsum. Im Endstadium dann Leberzirrhose und Lungenkrebs- genüsslich lehnt sich der Marketingchef in seinem Sessel zurück und grinst die Gewinnsteigerungsrate an.

Mission erfolgreich genossen.

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Das Frisuren- Ego

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Wie die Hühner auf der Stange. Genau so dicht gedrängt, überwiegend weiblich und ähnlich gackernd. Frauen beim Friseur. Im Auftrag der Schönheit, oder so ähnlich.

Berlin, Montag vormittag, die Frisur hält.

Fiseurbesuche sind schön...Draußen suchen die Berliner immer noch hoffnungsvoll den Sommer, drinnen konzentriert man sich derweil auf fleißiges Geschnippel allerlei Haupthaar.  Man, in dem Fall Frau, besteht aus vier eifrigen Friseurinnen. Alle Mitte 20, brunett und in dezentem Schwarz gekleidet. Sie wenden Strähnchen, rühren Farbe an und schneiden Pony als gäbe es kein Morgen mehr.

Die Kundinnen sind allesamt gespannt. Die einen entspannt, die anderen angespannt. Nervöse Blicke der Angespannten werden mit triumphierenden der Entspannten ausgestauscht. Flüchtig, dabei im Versuch unauffällig zu wirken. Dennoch mit Signalwirkung.

Der Grund: die Einen haben Antworten die Anderen nicht. „Soll der Pony fransig geschnitten werden?  Lieber hell- oder aschblond? Darfs noch ein Zentimeter weniger sein?“ Fragen, die die Welt nicht bedeuten. Aber das ist hier egal. Hier gilt, wer zuletzt schneidet, den beißen die Kundinnen.

Im Laufe des Vormittags wird aus hellbraun blond, aus lang kurz und schließlich aus haariger Verzweiflung ein schüchternes Lächeln einzelner Haarjüngerinnen.

In professioneller Manier stehen die Friseurinnen anschließend an der Kasse und rechnen ab. Noch benommen torkelnd, erreichen anschließend die Kundinnen die Kasse. Das neu gewonnene Haarglück kaum fassend, gleitet wenigstens die Hand prüfend an den Kopf: Sitzt, ist fluffig und hat Luft.

Aus gackernden Hühnern werden wieder kleine Mädchen. Auch die noch so füllige Frau fängt nach dem Frisieren plötzlich an zu schweben.  Wie das hässliche Entchen zum Schwan gereift. Und sieht es auch noch so komisch aus, wie die Bewegungen der Frau fließender irgendwie eleganter werden, das Ego ist poliert. Und das ist auch gut so.

Warum auch nicht?

Ist doch eine tolle Sache, wenn man in der heutigen abgestumpften Wohlstandsgesellschaft noch mit kleinem Konsum Positives dem Menschen entllocken kann. Zwar nicht von all zu langer Dauer (so ein Haar wächst aber auch schnell!), aber immerhin.

Dafür freut sich der Friseur, wenn man bald wieder vor seiner Pforte steht. Wieder nervös die Haarsträhnen mit dem Finger umspielend.

Berlin, 2012, das Haar wächst.

Gefällt mir!

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Musste man vor langer Zeit beim Rennen ums Lagerfeuer noch ordentlich mit der Keule schwingen, um Aufmerksamkeit zu erlangen, verstecken wir uns heute lieber im Social Media. Da gibt es auch Aufmerksamkeit, ist aber viel bequemer und kostet nur ein wenig Strom. Jeder mag jeden, die normalen Schikanen des Alltags  innerhalb der zwischenmenschlichen Beziehungen werden beim Einloggen einfach abgelegt.

Niemand hat mehr Mundgeruch oder eine fiese Frisur. Man unterhält sich und kann sich trotzdem verstecken. Zwei Fliegen mit einer Klappe- hah!
Jeder ist mit jedem befreundet. Das Wort Freundschaft liegt schon lange Zeit blutend in der Ecke und hat resigniert.

Aber egal, der moderne Mensch muss tun, was der moderne Mensch eben so tun muss!

Nicht mehr „Guten Tag, alles in Ordnung bei dir?“, sondern ein Klick auf Gefällt mir und man hat genug geleistet. Genug kommuniziert, genug Aufmerksamkeit und Anerkennung für ein anderes menschliches Leben gezeigt.

Und so wichtig muss man es ja auch nicht nehmen.
Wer kann einem diese Nachlässigkeit innerhalb zwischenmenschlicher Beziehung schon übel nehmen, wenn man gar nicht mehr die Reihe rumkommt?!

1000 Freunde sind aber auch ein hartes Stück Arbeit!

Tokios friedliche Subkultur: Wie man Normen bricht und gleichzeitig die Tradition bewahrt

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Bunt, schrill und irgendwie gewöhnungsbedürftig. Für Europäer sind Japaner meist übertrieben. Übertrieben höflich oder übertrieben anders. Ein Blick über den eigenen Tellerrand lohnt sich da sehr. Das Land der aufgehenden Sonne bietet Platz für mehr persönliche Entfaltung, als bisher von vielen angenommen. Disziplin und Strenge sind in der Bevölkerung immer noch allgegenwärtig. Das japanische Leben sucht sich jedoch seine Nischen. Eine interessante Gelegenheit, die Menschen dort näher zu betrachten.

Schock der Gegensätze

Japan ist in. Japan ist Kult. Wo der Manga- Hype aufhört, fängt der Kulturschock meist an. Das Land ist ein Meister der Gegensätze. Bestes Beispiel ist die japanische Hauptstadt Tokio. Tokio zeigt sich äußerst modern und weltoffen. Gigantomanie in Reinform dominiert das Stadtbild. Gigantisch ist aber besonders die Einwohnerzahl Tokios. Im Ballungsgebiet der Stadt leben 35 Millionen Menschen. Davon schaut einen jedoch kaum ein Augenpaar beim Stadtbummel direkt an. Die Japaner sind meistens damit beschäftigt, flink eine SMS nach der anderen zu schreiben. Und das während sie einkaufen gehen, beim Frisör sitzen oder auch beim Mittagessen mit den Arbeitskollegen ein Meeting leiten. Kommunikation wird hier stets perfektioniert.

Durchschnittlich besitzt jeder Japaner drei Mobiltelefone. Dennoch haben direkte Aufmerksamkeit und der Respekt vor dem Anderen hohe Priorität. Bei der Handydichte eigentlich kaum zu glauben. Fragt man einen Tokioter nach dem Weg, bekommt man immer Antwort. Lieber wird einem eine falsche als gar keine Auskunft erteilt. Verhaltensregeln wirken programmiert und warten nur auf den Abruf. Selten gelingt der Blick hinter die japanische Maske. In Japan und vor allem Tokio ist man scheinbar immer gut gelaunt. Man teilt sein Lächeln mit der Umwelt. Zufriedenheit auf Knopfdruck.

Japanisch skurril Tokio von oben

Als Millionenstadt präsentiert sich Tokio mit atemberaubenden Wolkenkratzern im Stadtteil Shinjuku. Hier findet man das höchste Rathaus der Welt. Einen Eindruck von den vielen Neonschildern Tokios kann man zusätzlich gewinnen. Leuchtschriften zeigen neue Produkte. Ampeln verkünden mit einem Nachtigall- Gesang die nächste grüne Welle.

Läuft man auf den Straßen Shibuyas, sollte man keine Platzangst haben. Die dort ansässige geschäftigste Straßenkreuzung des Landes gleicht einem Ameisenhaufen. Dicht an dicht drängen sich hunderte Menschen aneinander vorbei. Man verliert schnell die Orientierung. Dafür prägen Kunst und die Jugend das dortige Stadtbild. Man schwimmt mit und staunt.

Im sogenannten Anzugträgerviertel in Chiyoda liegt Tokios geografische Mitte. Der Regierungssitz ist hier zu finden. Neben den offiziellen Regierungsgebäuden, ist auch der Kaiserpalast Tokios ein beliebter Treffpunkt für Touristen. Auf dem Weg zwischen Demokratie und einem Relikt aus der Vergangenheit: Der Kaiser ist zwar offizielles Staatsoberhaupt, hat aber nur repräsentative Funktion. Gegensatz auf hoher Ebene.

In Harajuku wird Tokios Vielfalt deutlich sichtbar. Der Anteil junger und alter Bewohner hält sich die Waage. Genauso wie die alte und junge Kultur der Stadt. Nähe wird gelebt und sich nicht voneinander entfernt. Die Subkultur hat hier ihren persönlichen Schauplatz gefunden. Trotz der strengen japanischen Normen, wird Individualität kaum kritisch beäugt. Der Impuls der Querdenker ist schon lange aus diesem Bezirk nach Gesamttokio übergeschwappt. Junge Mädchen im Kimono gekleidet, treffen auf Szenegänger der Visual Kei Richtung (Musikszene mit punkigem Einschlag). Ein bizarres Bild ergibt sich, welches einem schnell das Herz erwärmt. Man muss sich nur darauf einlassen.

Besonders amüsant sind die jungen Tokioter auf der Brücke, die zu einem der bedeutendsten Tempel in Tokio führt: dem shintoistischen Meiji- Schrein mit seinem großem Holztor. Die Jugendlichen posieren in auffälligen Kostümen vor Touristen: die Cosplayer- Szene lädt zum Schaulauf. Junge Menschen imitieren ihre Manga- Helden und gieren nach Aufmerksamkeit. Friedlich, aber bestimmt. Auf den ersten Blick ganz und gar un-japanisch. Religion trifft Passion. In Tokio Alltag und keine Seltenheit.

Ein Punk im Tempel

Die japanische Tradition lebt weiter. Trotz Konsum und jugendlicher Wertvorstellungen. Hier wird Individualität gelebt und gleichzeitig auf die eigenen Wurzeln besinnt. Dieser besondere japanische Geist, ist in jedem Japaner zu finden. Er wird unterschiedlich sichtbar. Tokio als Millionenstadt hat beispielsweise eine spürbar wohl erzogene Bevölkerung. Müll muss man auf den Straßen suchen. Alles ist sauber, fast schon steril. Für eine Stadt dieser Größe ereignen sich verhältnismäßig wenige Verbrechen. Man kann sich auch nachts frei auf den Straßen bewegen.

In Tokio stehen sich Kultur und Subkultur nicht im Weg, sondern ergänzen sich optimal. Da steht ein Punk im Tempel und verbeugt sich tief. Er wirft ein paar Yen in eine große Holzkiste und betätigt einen großen Gong. Ein lauter, warmer Klang lässt die Luft vibrieren. Der junge Mann ist in sein Gebet vertieft. Er betet für die Seelen seiner verstorbenen Verwandten und dass sie es im Jenseits gut haben. Seine Augen öffnen sich und er schlurft mit seinen zerschlissenen Stiefel davon.

Kultur in der Subkultur. Die Japaner machen es möglich.

Berliner Flurgeschichten Teil 1

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Berliner Großstadt LebenTüren fallen lautstark in ihre Schlösser. Kratzgeräusche ertönen. Ein lautes Poltern verkündet die Ankunft einiger Bewohner des Gülser Wegs. Der Geruch von gekochtem Kohl wabert in der Luft. Die Wellensittiche von dem Mieter in der zweiten Etage kreischen. Es ist Samstag am frühen Nachmittag in Berlin- Marzahn. Die Wohngegend hier ist anders als erwartet. Weniger Großstadt, dafür mehr Kleingärten und Einfamilienhäuser. Eine beschauliche Wohnsiedlung.

An diesem Tag der Woche geht es in der Nummer 43 lauter zu als sonst. Gefüllte Einkaufstaschen werden im Hausflur abgestellt. Bewohner warten gespannt auf den Briefträger. Grüße und Neuigkeiten werden ausgetauscht.

Mieter Schulze ist zufrieden. Der Busfahrer im mittleren Alter dirigiert die Bewohner des Hauses bevorzugt von links nach rechts und wieder zurück. Die optimale Warteposition der Mieter vor den Briefkästen ist sein Lebensglück. Schulze reckt seinen runden, haarlosen Kopf nach oben: ,, Organisation ist das halbe Leben! Wo wären wir, wenn hier jeder machen würde, was er will?!´´Der pummelige Schulze betritt die Kellertreppe und ist verschwunden.

Die Eingangstür schwingt auf. Der entstehende Luftzug lässt die warme Frühlingsluft draußen nur erahnen. Schulze mittlerweile im Keller über die wild abgestellten Fahrräder schimpfend, bekommt die Neuankömmlinge nicht mit. Schwer schnaufend stellt eine junge Mutter ihren Kinderwagen im Eingangsbereich ab. Ein kleines Kind wird aus dem Wagen gehoben, das andere ist noch im großen Neunmonatsbauch der eigentlich so zierlichen Frau. Sie hat Mühe, einen Schritt vor den anderen zu setzen. Schweiß perlt von ihrer Stirn. Die qualmende Zigarette zwischen ihren Fingern wird ab und an mit wahnsinnigem Genuss inhaliert. Wie ein Ertrinkender nach Luft schnappend. Links das Kind auf dem Arm, rechts das krebsbringende Genussmittel. Auf dem ersten Treppenabsatz dreht sie sich um. Ein gequältes Lächeln zeichnet sich auf ihrem Puppengesicht ab. Ein letzter Zug an der Zigarette und das Objekt der Begierde wird in Richtung Keller geworfen.

Mit einem leisen Plopp landet die Zigarette noch glimmend auf der Kellertreppe. Die junge Frau ist bereits in ihrer Wohnung verschwunden, während eine Tür in der ersten Etage aufschwingt. Frau Schulze betritt den Hausflur. Mit einer Schürze um die breiten Hüften und den Lockenwicklern im Haar, sieht sie aus wie eine Werbefigur aus den 70er Jahren. Gewissenhaft sucht sie jeden Absatz des Hauses nach ihrem Mann ab.

Ein Grollen ertönt. Herr Schulze rennt wild gestikulierend an seiner Frau vorbei, die sich bereits duckend an die Briefkästen drückt. ,, So ein Pack! Den werde ich es zeigen! Die Kippen hier einfach rumzuschmeißen!´´ ………………………………………………………………